Mittwoch, 17. Februar 2021

"Du stellst meine Füße auf weiten Raum" - Die Kraft des Wandels

Das aktuelle Hungertuch von Misereor ist während der Fastenzeit in der Kirche St. Martin in Niederkirchen zu sehen.

Das dreiteilige Hungertuch der chilenischen Künstlerin Lilian Moreno Sánchez ist während der Corona-Pandemie in ihrem Atelier in Augsburg entstanden. Es zeigt unsere Verletzlichkeit, aber auch die innere Kraft, den Wandel in der Welt voranzubringen. Jede Krise ist schlimm, kann aber ein offener Moment sein. Wir bekommen die Möglichkeit, innezuhalten, wieder aufzustehen und uns zu entwickeln. Das Hungertuch weist Wege in die Solidarität, die Hoffnung und die Liebe.

Einen Einführungsfilm sehen Sie hier.
Eine Deutung finden Sie hier.

Eine Lesehilfe:

Das Triptychon

Das Hungertuch besteht aus drei Teilen. Es ist ein Triptychon. Alle Teile gehören zusammen und zeigen die Umrisse eines Fußes. Ein Triptychon stellt ein Bild in verschiedenen Ausschnitten dar und fasst es gleichzeitig zusammen. Man kann die Ausschnitte betrachten, aber auch das gesamte Bild.

Das Röntgenbild

Die Künstlerin hat das Röntgenbild eines Fußes als Grundlage des Bildes genommen. Es ist der Fuß eines Menschen, der bei Demonstrationen in Chile 2019 von der Militärpolizei verletzt worden ist. Die Menschen protestierten damals gegen soziale Ungleichheit. Ein Röntgenbild erlaubt uns, alles genau zu sehen und eine Diagnose zu stellen.

Der Fuß

Der Fuß zeigt von rechts unten nach links oben. Unsere Füße tragen uns und geben  Stabilität. Wir hinterlassen auf ihnen unsere Spur durchs Leben. Ist ein Fuß verletzt, sind wir hilflos und unbeweglich. Wir Menschen sind von Gott geschaffen, um aufrecht zu stehen und unseren Weg zu gehen, in Solidarität mit unseren Mitmenschen und der Umwelt.

Der Stoff

Das Hungertuch ist auf gebrauchten Bettlaken gestaltet worden. Die Stoffe stammen aus einem Krankenhaus und einem bayerischen Frauenkloster. Damit will die Künstlerin sagen: Es ist wichtig, dass der Körper und auch die Seele gesund werden. In den Stoff sind Streifen und Blumen eingewebt. Die Bettwäsche erinnert an die Menschen, die darin gelegen haben.

Die Linien

Die schwarzen Linien aus Zeichen-Kohle zeigen die Um- risse des verletzten Fußes. Das Schwarz symbolisiert den menschlichen Schmerz und verbindet ihn mit der Leidensgeschichte Jesu. Die Linien wirken aber auch leicht und beschwingt: Leben ist ein Prozess, der weiter geht. Auch mit gebrochenen Füßen verlieren wir nicht die Hoffnung auf unsere Kraft, die den Wandel herbeiführen kann.

Der Faden

Der Stoff ist voller Falten und Verletzungen, fast wie unsere Haut. Er ist auseinander geschnitten, wieder zusammengelegt und mit goldenem Faden genäht. Das erinnert an die Nähte von Chirurgen oder an Narben, die bleiben. Der Faden soll  Heilung und Zukunft ermöglichen.

Die Blumen

Die Künstlerin hat das Blumen Muster der Bettwäsche aufgegriffen und zwölf Blumen aus Blattgold aufgetragen. Sie symbolisieren Kraft und Schönheit des neu erblühenden Lebens. Das Leiden und der Schmerz können überwunden werden. Gold ist die Farbe der Ewigkeit und Hinweis auf Gott, der neues Leben schenkt.

Der Staub

In Santiago de Chile hat die Künstlerin auf dem „Platz der Würde“ Straßenstaub in den Stoff gerieben. Genau dort ist der Mensch verletzt worden, dessen Fuß das Hungertuch zeigt. Der Staub ist also Erinnerung an die Gewalt, aber auch an den Mut dieser Menschen, die für ihre Rechte eingetreten sind.

Das Leinöl

Leinöl wird aus Flachs gewonnen, der Lein-Pflanze, aus der man auch Stoffe webt. Leinöl hinterlässt auf dem Stoff gelblich-braune Flecken. Sie wirken wie Wundsekret, erinnern aber auch an Salben, die wir zur schnelleren Heilung auf Wunden auftragen.

Zwei Heime in Chile, die seit vielen Jahren von dem Verein Casa Esperanza .e.V. getragen werden, sind eng mit unserer Gemeinde verbunden. Laden Sie hier einen Bericht zu aktuellen Situation aus deren Blickwinkel herunter.